Warum mein bestes Foto unscharf ist
Warum mein bestes Foto unscharf ist
Fotobücher, Blogs, Podcasts, Webseiten, Social Media oder YouTube-Kanäle – sie alle versuchen zu erklären, was Fotografie ist und wie sie funktioniert. Mal steht die Technik im Mittelpunkt, mal die Bildgestaltung, mal die inhaltliche Aussage eines Fotos. Was mir dabei oft fehlt, ist die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Erlebnis der Fotografie: dem Weg zum Bild. Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.
Dabei geht es nicht um Kameramodelle, Objektive, Filter, die Drittelregel oder den Goldenen Schnitt. Vielmehr beschäftigt mich eine andere Frage: Wie konnten Fotografien, die heutigen technischen Qualitätsmaßstäben kaum standhalten würden, zu ikonischen Meisterwerken von Weltrang werden?
Vielleicht liegt die Antwort darin, dass Perfektion nicht zwangsläufig mit technischer Makellosigkeit gleichzusetzen ist. Stimmungen entstehen nicht durch Pixel, Presets oder maximale Schärfe. Sie entstehen durch Emotionen, durch den richtigen Moment und durch Geschichten, die ein Bild erzählt.
Lange Zeit habe ich mich von Fotografien begeistern lassen, die technisch nahezu perfekt waren. Das Licht stimmte, die Farben harmonierten, die Schärfe saß exakt, das Bokeh war traumhaft. Doch irgendwann stellte ich fest, dass das nächste Bild genauso perfekt war wie das davor. Und das nächste ebenso.
Worin unterscheiden sie sich dann noch?
Ich hatte zunehmend das Gefühl, viele dieser Bilder seien austauschbar. Und tatsächlich erinnere ich mich heute an kaum eines davon. Wohl aber an jene Fotografien, die technisch nicht perfekt sind. An das leicht unscharfe, vielleicht sogar verwackelte Bild, das trotzdem jeder kennt und sofort wiedererkennt.
Diese Erkenntnis brachte mich dazu, meine eigene Arbeit zu hinterfragen. Als ich durch meine Archive ging und all die Bilder betrachtete, die ich über Jahre hinweg für besonders gelungen gehalten hatte, blieb ich schließlich an einem Foto hängen, das nach klassischen Maßstäben eigentlich unvollkommen ist. Und doch berührt es mich bis heute mehr als jedes andere.
Ich erinnere mich an seine Entstehung so lebhaft wie an manche Meilensteine meines Lebens. Es war in einer kleinen Gasse in Verona. Zwei ältere Menschen gingen freudig aufeinander zu. Offensichtlich hatten sie sich lange nicht gesehen. Schon viele Meter vor ihrem Zusammentreffen streckten sie die Arme aus, berührten einander schließlich zärtlich die Wangen und begegneten sich mit einer Freude, die sich unmittelbar in ihren Gesichtern spiegelte.
Alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Ich hatte keine Zeit, Einstellungen vorzunehmen oder den perfekten Bildaufbau zu suchen. Ich hob die Kamera reflexartig an und drückte ab. Das Foto ist leicht unscharf und etwas verwackelt. Für mich ist es perfekt. Und bis heute eines meiner absoluten Lieblingsbilder.
Ein anderes Erlebnis hat meine Sicht auf die Fotografie ebenso nachhaltig geprägt.
Ich war mit dem Fahrrad auf einer Nordseeinsel in den Niederlanden unterwegs. Gegen Mittag kam ich an einer typisch holländischen Windmühle vorbei, eingebettet in eine idyllische Wasserlandschaft. Ein schönes Motiv – aber das Licht der Mittagsstunden versprach keine außergewöhnliche Aufnahme. Also beschloss ich, am Abend noch einmal zurückzukehren und die Windmühle im Licht des Sonnenuntergangs zu fotografieren.
Von meiner Unterkunft aus waren es rund 14 Kilometer mit dem Fahrrad. Um 18:30 Uhr machte ich mich auf den Weg und erreichte den Ort kurz nach 19 Uhr. Viel zu früh. Vor allem, wenn man weiß, dass die Sonne im hohen Norden deutlich später untergeht als bei uns. Mir blieb also nichts anderes übrig als zu warten. Mehr als zwei Stunden.

Ich spazierte entlang des Damms, blickte über das weite Wattenmeer, beobachtete die Blumenwiesen und die Vögel, die sich langsam in Schwärmen für die Nacht sammelten. Und irgendwann merkte ich, dass ich gar nicht mehr wartete. Der Aufenthalt wurde zu einem Erlebnis für sich. Zu einem Moment der Ruhe, der Aufmerksamkeit und der Verbundenheit mit der Umgebung. Das eigentliche Foto, der Grund meiner Anreise, rückte zunehmend in den Hintergrund. Es wurde zu einem Teil eines größeren Ganzen.
Genau darin liegt für mich das Wesen der Fotografie.

Nicht allein im fertigen Bild, sondern in allem, was davor geschieht. In den Begegnungen, den Wegen, den Gedanken und den Erlebnissen, die uns überhaupt erst an einen bestimmten Ort führen und den Auslöser drücken lassen.
Wenn ein Foto Jahre später Erinnerungen wieder lebendig machen kann oder einem fremden Betrachter eine eigene Geschichte erzählt, dann hat es seinen Zweck erfüllt.
Vielleicht ist genau das die wahre Qualität eines Bildes.
Mach diesen Tag zu deiner Sternstunde!

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